Hermannslauf 2010

Mein langer „Hermannsritt mit Watson“

Wenn man am Vormittag seines Geburtstag mit dem Bike zur Hermannslaufstrecke radelt, dann hat man ein richtig schönes Gefühl dabei. Die warme Frühlingsluft streicht angenehm um die Beine, die Lerchen in der Stapellager Senne jubilieren in der hellen Sonne... und bald werden sie kommen, die siebentausend Hermannsläufer, an deren Strecke ich mich über alle möglichen Seitenwege herangepirscht habe.

Und sie kamen. Der Alex in der Spitze, dann der Mario und der Karl-Heinz, und gleich werden auch Volker, Frank, Andre, Tony und Reinhard herantraben. Ich lege mein Bike neben die Strecke oberhalb des „Toten Gefreiten“, setze den Rucksack ab und postiere mich an der 12 km-Marke mit der Kamera. Die Welt ist in Ordnung für mich…. noch in Ordnung.

 

Haltet das Pferd!

Und dann passiert es: Auf einmal ist sie da, die junge Reiterin auf ihrem dunkelbraunen Hengst, der mitten zwischen den Läufern hin- und herbockt und dann durchgeht. Gellendes Geschrei! „Helft mir, haltet das Pferd!“

Verdammt“, denke ich, “Pferd aufhalten- keine Ahnung- das ist ja mordsgefährlich!“

Aber da schießt mir blitzschnell die Erinnerung an die durchgehenden Pferde damals im Krieg bei der Flucht aus Ostpreußen durch den Kopf, wie dann immer mutige Männer hinterher rannten und vorn am wild gewordenen Pferd hochspringend ins Geschirr griffen. Mir als damals kleinen Jungen hatte das mächtig imponiert.

Ehe ich mich versehe, habe ich die Kamera fallenlassen und hänge vorn am Geschirr des Dunkelbraunen. Und tatsächlich…. er stoppt. Die Reiterin, eine junge Teenie, ist schnell von Sattel gerutscht. Jetzt runter von der Strecke! Links in den Toten Gefreiten „ geht nicht- Stacheldrahtzaun, also rechts in den Wald. Der Dunkelbraune ist völlig „durch den Wind“, er reißt, springt und will immer wieder durchgehen. Doch wir schaffen es; das Pferd kommt von der Strecke, und die nun immer dichter vorbeiströmenden Läufer sind außer Gefahr.

 

Kein Aufatmen

Doch zum nun eigentlich fälligen Aufatmen kommt es nicht. Watson – so heißt der Dunkelbraune- wird jetzt erst richtig wild, will weg, panisch immer wieder hochgehend, Schaum im Maul. Sarah, die junge Reiterin steht merkbar unter Schock, es wird ihr schlecht, Schluchzen kommt auf, aber sie ist tapfer und bemüht sich, ihren eigenen Zustand nicht noch auf Watson zu übertragen. Und ich…? Ganz ehrlich, ich fühlte mich ganz und gar nicht als heldenhafter jung Siegfried in der Szene; ich habe Schiss, richtig Schiss. Wie lange würden wir den immer mehr durchdrehenden Watson noch halten können? Und was würde passieren, wenn er uns jetzt noch durchging? Von drei früher im Dienst erlebten Reitstalleinsätzen mit durchgegangenen Pferden, endeten zwei tragisch. Wenn doch noch einer von der Strecke kommen und mithelfen würde ! Da waren doch außer mir auch noch genug Leute. Aber keiner kommt.

Wir führen Watson vorsichtig weiter in den Wald, nur weg von den Läufern, zu denen er immer wieder ängstlich rüberschaut.

Watson wird wieder wild, geht hoch, versucht, uns abzuschütteln. Abwechselnd fliegen wir ins Unterholz oder gegen die Bäume, aber wir bleiben dran hängen. Bald sind wir alle drei verletzt, bluten, zum Glück nicht so schlimm, alles noch im Rahmen normaler sportlicher Schrammen.

Eins geht mir immer wieder durch den Kopf: Watson darf nicht merken, dass ich von Pferden keinerlei Ahnung habe.

Nur eins weiß ich von meinen Hunden: Tiere musst du beruhigen, streicheln, aber sie dabei immer auch wissen lassen, dass du der Boss bist..

Watson glaubt mir und… Sarah vielleicht auch.

 

Irgendwie durchschlagen !

Wir müssen raus hier und irgendwie auf Parallelwegen nach Augustdorf kommen!

Du hast hier mal kartiert, weiter oben rechts müsste ein Hochstand sein, zu dem der Jäger mit dem Auto herauf fuhr.“

In kleinen Abschnitten führen wir Watson mühsam quer durch den Wald den Berg hoch. Immer wieder müssen wir stehen bleiben, weil Watson wieder wild wird oder weil Sarah nicht mehr kann. Ihr geht es verdammt schlecht. Mit Hilfe von außen rechne ich jetzt längst nicht mehr; wir müssen da allein durch.

Tatsächlich – wir stoßen genau auf meinen Hochstand. Fester Fahrweg, Wildwiese, Watson kann grasen, wird endlich ruhiger. Sarah hat Handy-Kontakt mit ihrer Reitgefährtin bekommen, von der sie durch den Sturm der Hermannsläufer getrennt wurde. Sie hat’s wohlbehalten von der Strecke geschafft und wartet bei Augustdorf vor der Schranke, um abgeholt zu werden.

Uns kann hier aber niemand abholen, zwischen uns liegt der unablässig weiterwogende Hermannsläuferstrom…. Und der würde noch über eine Stunde fließen.

Wir müssen es allein packen, führen Watson dem breiten Weg vom Hochstand herunter in Richtung Randweg. Bald kommen die vorbeiströmenden Hermannsläufer wieder in Sicht.

Watson wird wieder wild, als er sie sieht. Es hat keinen Zweck; wir müssen wieder außer Sichtweite.

 

Wo ist Erich?

Aber es gibt hier- und das weiß ich als Kartierer sehr genau- vor dem Gebirgskamm keinen einzigen Parallelweg zum Sennerandweg. Wir müssen entweder oben über den Kamm nach Hörste oder warten bis der gesamte Hermannslauf vorbei ist.

Mein am Weg liegendes Fahrrad, die Kamera und der Rucksack fallen mir ein. Man muss das unbedingt irgendwie sicherstellen; das sind fast zweitausend Euro, die da rumliegen.

Aber Sarah hat panisch Angst, mit dem Pferd auch nur ein Weilchen allein zu bleiben. Und ihr selbst geht es immer noch sauschlecht; sie hat wohl voll einen Schock.

Also: Sch.. auf Fahrrad, Kamera, Ruhe finden!

Auf einem breiten Fahrweg steigen wir mit Watson in den Berg, immer höher hinauf in Richtung Kamm. Vielleicht haben die inzwischen schon einen Verbindungsweg hinüber nach Hörste angelegt, hoffe ich wage.

Erich hat zuletzt hier oben kartiert, der müsste es wissen. Ein Königreich für Erich ! Aber der steht jetzt sicher beim Tönsberg und freut sich über die Hermannsläuufer.

 

Super, der Oldie!

Wir stehen ganz oben auf dem Kamm der Barkhauser Berge. Der Fahrweg macht einen Rundbogen und endet an einem Hochstand. Es wäre Irrsinn, mit dem durchgeknallten Watson das Steilstück querdurch und runter zum Bienenschmitt zu wagen. Also wieder bergab zurück. Watson ist zufrieden.

Wenn wir unten sind, dann ist der Hermannlauf vorbei“, tröste ich Sarah.

Und das stimmt. Nur vereinzelnd und mühsam kleckern noch einige nach. Die werden Bielefeld kaum noch erreichen. Eineinhalb Stunden sind seit unserer Irrfahrt mit Watson vergangen

Ich will in Richtung Fahrrad, Kamera; aber Watson will nicht und Sarah auch nicht. Also langsam den letzten Nachhinkern entgegen in Richtung Schranke, wo die Rettung wartet.

Endlich der Hermannslauf- Schlußradfahrer hinterm allerletzten Läufer.

Sarah, wir haben gewonnen!“

Ein älteres Ehepaar radelt heran, biedere Oldi- Wanderer.

Liebe Leute, könnt Ihr nicht irgendwie mein Rad und meine Kamera sichern , die einen Kilometer weiter auf der Strecke liegen !“

Klar doch“ meint der Oldie, „mach Dir keine Sorgen“.

Super, der Junge!

Watson fängt an zu wiehern

Er wittert Celina, die Stute, mit der wir zusammen geritten sind“, freut sich Sarah.

Wir haben es geschafft. Angehörige sind an der Schranke, Die Hermannslauf- Abbaumannschaft rollt heran und kümmert sich liebevoll um uns. Sarah kommen jetzt befreit die Tränen, Watson schnieft bei seiner Celina.

Der Oldi und seine Frau rollen - Fahrrad, Rucksack Kamera mitführend- heran. Großartig die Beiden!

 

Eine frische Flasche Hermannslauf- Streckeversorgungssprudel- welch ein Genuss!

 

Das war mein „Hermannsritt mit Watson“, der zeitlich fast genau den 1:47 Std. gleichkam, in welchen Elias Sansar den „Hermann 2010“ gewann.